Auf Zeitreise mit Thomas Vanek

Zum NHL-1000er: LAOLA1-Scout Bernd Freimüller über seine ersten Kontakte mit Thomas Vanek.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag bestreitet Thomas Vanek mit den Vancouver Canucks sein 1000. NHL-Spiel inklusive Playoffs.

Unglaublich, wie die Zeit vergeht: Es ist fast 17 Jahre her, dass ich mich das erste Mal näher mit ihm beschäftigte. Ich kannte seinen Namen zwar schon und wusste, dass er bereits mit 14 Jahren nach Nordamerika übersiedelt war, hatte den jungen Vanek aber nie spielen gesehen.

Im Sommer 2001 las ich in der slowakischen Zeitung "Sport", dass er eine Einladung zum Camp des slowakischen U18-Nationalteams erhalten hatte. Als Europa-Scout der Atlanta Thrashers wäre es für mich zwar egal gewesen, für wen er aufläuft, als Österreicher aber nicht ganz.

Heim-WM 2001 als erste Chance

Was blieb mir übrig? Ein Anruf bei APA-Eishockey-Redakteur Stefan Grüneis, der daraus sofort eine Story machte, die natürlich von vielen Zeitungen übernommen wurde.

Nach einigem Hin und Her schwang sich der heimische Verband (ÖEHV) dann doch aufs Pferd und nahm in der Form von Greg Holst (damals U20-Nationaltrainer) Kontakt auf. Trotz seiner familiären Situation – Vater Tscheche, Mutter Slowakin – fühlte sich Vanek stets als Österreicher, ließ die Slowakei Slowakei sein und lief bei der U20-Weltmeisterschaft im Dezember 2001 erstmals für Österreich auf, womit er sich für das rot-weiß-rote Team festgespielt hatte.

Die Saison 2001/02 war eigentlich auch Vaneks Draft-Jahr, daher war diese Heim-WM in Kapfenberg für mich auch eine wichtige Gelegenheit, ihn spielen zu sehen.

Trotz seiner Jugend dominierte er schon damals gegen zwei Jahre ältere Spieler und war ein Schlüsselakteur für ein starkes österreichisches Team, das nur an Deutschland (mit späteren NHLern wie Christian Ehrhoff, Christoph Schubert, Marcel Goc und Dennis Seidenberg besetzt) scheitern sollte.

Wenn man alte Scouting-Reports liest, fragt man sich oft: "Was habe ich damals nur gesehen?" – bei Vanek waren die Stärken und Schwächen seinerzeit aber offenbar bereits früh evident.

Meine beiden Reports aus Kapfenberg - der Authentizität wegen in Originalsprache:

 

 

Ein Treffer für die Ewigkeit...

Bei Tausenden an Partien und Abertausenden an Spielern die ich über die Jahre hinweg verfolgt habe, erinnere ich mich natürlich nur ganz selten an Spieldetails.

Dennoch: Eines von Vaneks Toren in Kapfenberg – ein einhändiger Abfälscher im Slot – blieb mir bis heute im Gedächtnis.

Solche Treffer sind kein Zufall und deuten auf weit überdurchschnittliche Fähigkeiten hin. Vaneks "Hand-Eye-Coordination" blieb auch über die Jahre eine der größten Waffen in seinem Repertoire.

Diese Reports sowie ein Interview mit ihm sollten aber vorläufig vergebene Liebesmüh bleiben. Vanek entschloss sich am Ende der Saison, sich nicht für den Draft anzumelden, nahm also die Opt-In-Möglichkeit, die damals im ersten Draft-Jahr bestand, nicht wahr. Diese Regel gibt es heute nicht mehr, wer altersmäßig draftbar ist, muss sich der Auswahl stellen.

So verschob sich sein Schicksal auf die darauffolgende Saison, meine nordamerikanischen Kollegen schwärmten dann schon die ganze Saison von seinen offensiven Fähigkeiten.

Für mich war wieder die U20-WM, die in Bled mit dem Aufstieg des österreichischen Teams endete, die einzige Möglichkeit, ihm auf dem Schläger zu schauen. Mein Report aus dem Dezember 2002:

 

Ein wenig schmeichelhafter Vergleich

Meine zusammengefasste Gesamtmeinung über ihn vor dem Draft: Weltklasse-Offensivtalent, großartige Hände, Schuss und Übersicht, Goalgetter mit Spielmacherfähigkeiten. Muss in puncto Dynamik und Eislaufen noch zulegen. Hört sich das nicht auch nach dem Thomas Vanek an, den wir seit Jahren aus der NHL kennen?

Als Thrashers-Organisation hatten wir Vanek sogar als Nummer 1 auf unserer Gesamtliste. Eine relativ unnötige Siegesserie im Saison-Endspurt kostete uns aber die Top-Positionen im Draft, als achtplatziertes Team wussten wir schon damals, dass Vanek außer Reichweite sein würde. Dass ihn Buffalo an Nummer fünf zog, überraschte auch nicht, sie hatten ihn im College-Finalturnier quasi vor der eigenen Haustür oft genug spielen gesehen.

Vor allem Dan Marr, unser Headscout, war von Vanek irrsinnig angetan, bezeichnete ihn als den "österreichischen Dany Heatley". Im Nachhinein ist das nicht unbedingt ein Kompliment – Heatley anfänglich so kometenhafte Karriere wurde von einem Autounfall, bei dem sein Teamkollege Dan Snyder ums Leben kam, und sehr mühsamen letzten Jahren in der NHL überschattet.

Nach seinem Draft machte ich nur einen Report über ihn und zwar bei der A-WM 2004 in Prag, die er nach seiner letzten College-Saison bestritt – sein NHL-Potenzial war damals bereits absehbar:

 

 

Mein einziger Kontakt mit Vanek blieb das Interview in Kapfenberg und ein kurzes Hallo beim Draft – als Angestellter eines NHL-Teams hält man sich von Spielern anderer Teams stets fern. Ich sah ihn dann noch live bei seiner dritten Junioren-WM und einigen weiteren Weltmeisterschaften.

Wohl nicht mehr im Nationalteam

Schade nur, dass sich sein Verhältnis mit dem ÖEHV über die Jahre so gewandelt hat. Am Anfang rückte er noch zu jeder WM ein – unvergesslich, dass er eine B-WM sogar mit einem gebrochenen Kiefer bestritt. Nach Sotchi 2014 und den dortigen Ereignissen war aber endgültig Schluss – wer woran Schuld hatte, kann ich aus der Ferne nicht beurteilen.

Auch wenn Teamchef Roger Bader wieder mit ihm Kontakt aufnahm, glaube ich nicht mehr daran, dass Vanek noch einmal für das Team Austria auflaufen wird. Familiäre Verpflichtungen und ein stets unsicherer Vertragsstatus – Stichwort "Rental Player" – lassen eine Saisonverlängerung in den Mai hinein als nicht realistisch erscheinen.

Es ist noch nicht vorbei

Thomas Vanek ist und bleibt der beste Spieler, den Österreichs Eishockey je hervorgebracht hat.

Als NHL-Superstar würde ich ihn nicht bezeichnen, als Star und Top-Offensivspieler in seinen besten Jahren sehr wohl. Während sich Spieler in ihrem Stil über die Jahre manchmal wandeln, blieb Vanek der, der er immer war – ein Offensivbringer mit großartigen Händen und Abschlussqualitäten, seine Beine und ein Hauch von Lethargie kosteten ihm aber vor allem im zunehmenden Alter etwas von seiner Qualität.

In Vancouver hat er aber irgendwie den Ruf eines "Elder Statesman" – Youngsters wie Brock Boeser schwärmen von seiner Hilfsbereitschaft auf und neben dem Eis.

Ich rechne damit, dass er nach der Trading Deadline wieder eine neue Adresse haben wird, wie im Vorjahr brachte er sich mit einer guten ersten Saisonhälfte für ambitionierte Teams ins Gespräch.

Nach 13 Jahren NHL befindet sich seine Karriere auf der Zielgeraden, was er in einigen Interviews auch eingesteht. Das letzte Kapitel sollte aber auch nach 1000 Spielen noch nicht geschrieben sein...