Gina Kingsbury: "Da ist Leidenschaft, da ist Stolz"
In ihrem ersten Interview als General Managerin des ÖEHV-Frauen-Nationalteams spricht Gina Kingsbury über ihre neue Position und den Fahrplan bis zur historischen A-WM in Dänemark.
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ÖEHVÖEHV: Gina, auch von unserer Seite nochmals herzlich willkommen beim Österreichischen Eishockeyverband. Wie waren die vergangenen Wochen für dich?
Gina Kingsbury: Ziemlich intensiv. Es musste in kurzer Zeit viel auf die Beine gestellt werden. Bevor ich zugesagt habe, habe ich mit vielen Spielerinnen gesprochen und sie gefragt, was sie in den kommenden Wochen brauchen – und ob ich das liefern kann. Mit zwei Camps und einer Weltmeisterschaft ist die Zeit sehr knapp. Aber es ist schön, die Menschen im Verband und den Staff kennenzulernen. Wir haben die Zeit bisher sehr gut genutzt.
Was hat den Ausschlag für deine Zusage gegeben?
Die Gespräche mit den Spielerinnen. Mir ist bewusst geworden, dass sie sich zum ersten Mal für die Top-Division qualifiziert haben – nach vielen Jahren harter Arbeit. Wenn ich ein bisschen dabei helfen kann, sie auf diesen großen Moment vorzubereiten, dann will ich das tun.
Du bleibst General Managerin der Toronto Sceptres in der PWHL. Wie geht sich beides aus?
Ich verlasse die Sceptres nicht, das ist weiterhin mein Hauptjob. Ähnlich wie zuletzt bei Hockey Canada mache ich das zusätzlich. Weil die WM jetzt im November stattfindet, kommt sie der Liga kaum in die Quere. Mehrere GMs aus der PWHL arbeiten parallel für Nationalteams. Es ist großartig, dass im internationalen Eishockey so eng zusammengearbeitet wird.
Welche Verbindungen hattest du bisher zum österreichischen Frauen-Eishockey?
Martin Kogler kenne ich sehr gut. Ich sitze seit rund acht Jahren im Frauenkomitee der IIHF und arbeite dort eng mit ihm zusammen. Durch ihn habe ich viel über das Programm erfahren. Dazu kenne ich einige Spielerinnen, etwa Theresa Schafzahl aus der PWHL, andere aus einem High-Performance-Camp. Eine engere Verbindung zu Österreich hatte ich davor aber nicht.
Der Lehrgang in Klagenfurt ist heute zu Ende gegangen. Welche Eindrücke nimmst du mit?
Für die Spielerinnen war es fast wie ein Wiedersehen – der Kern der Gruppe war zuletzt im Februar beisammen. Man hat die Freude gespürt, endlich wieder vereint zu sein, und den Hunger, loszulegen. Wir haben zweimal täglich auf dem Eis trainiert. Gleichzeitig beobachten wir Spielerinnen, die nicht im Camp waren – Melody Davidson scoutet sie gerade online. So wollen wir die bestmögliche Mannschaft für Dänemark zusammenstellen.
Wann steht der WM-Kader fest?
Eher früher als später. Das Team soll so viel Zeit wie möglich haben, um gemeinsam auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Wir informieren alle Spielerinnen persönlich – auch jene, die es nicht schaffen, und warum. Diese Art von Kommunikation gehört zu einem Programm, das nach Professionalität strebt.
Wie geht es danach weiter?
Nach einigen Online-Meetings folgt Ende Oktober, Anfang November unser Lehrgang in Villach. Dort steht der Kader fest, und wir können an unserer Teamidentität arbeiten. Am 4. November reisen wir nach Dänemark, am 6. November geht es gegen Tschechien los. Danach folgen Deutschland, ein Ruhetag sowie die USA und die Schweiz. Das sind große Gegner. Aber wir haben gerade eine echte Underdog-Energie: Da ist Leidenschaft, da ist Stolz.
Mit all deiner Erfahrung: Welches Niveau erwartet die Spielerinnen in der Top-Division?
Das Spiel wird jedes Jahr schneller und stärker – selbst ich war in meiner Zeit bei Hockey Canada bei jeder WM überrascht. Die Gegnerinnen sind schnell, groß, stark und körperbetont, und die Schiedsrichterinnen lassen immer mehr laufen. Das darf kein Schock sein. Gleichzeitig sollen die Spielerinnen wissen, dass sie mithalten können.
Was macht dich da zuversichtlich?
Ich bin beeindruckt von der Größe und der Stärke unserer Gruppe. Wir haben eine gute Mischung aus Routiniers, einer soliden mittleren Generation und jungen Spielerinnen, die Druck machen. Gute Torhüterinnen haben wir auch. Ich glaube, dass wir bei dieser WM mithalten können. Ich hoffe, unsere Spielerinnen glauben daran. Ich tue es auf jeden Fall.
Kommen wir zu deiner Eishockey-Philosophie: Was macht für dich ein gutes Team aus?
Gerade bei kurzen Turnieren entscheiden der Zusammenhalt und die Fähigkeit, den Matchplan umzusetzen. Teams, die füreinander einstehen, sind schwer zu schlagen. Es geht weniger um Können oder Spielstil als um die Einstellung. Diese Gruppe hat das: ein bisschen Trotz und die Fähigkeit, gemeinsam zu kämpfen. Wenn sie das in Leistung umsetzt, wird sie gefährlich.
Und auf dem Eis?
Jede kennt ihre Rolle und nimmt sie an. Die Top-Spielerinnen tragen das Team, die dritte und vierte Linie sind stolz darauf, die stärksten Linien des Gegners auszuschalten. Und wir feiern die kleinen Dinge: geblockte Schüsse, gute Wechsel, sauberes Stellungsspiel.
Wann ist die WM für Österreich ein Erfolg?
Wenn diese Gruppe zusammenfindet, den Moment genießt, alles gibt und ein Umfeld schafft, von dem jede ein Teil sein will. Die Spielerinnen sollen befreit und ohne Last auf den Schultern spielen, dem Matchplan vertrauen und stolz darauf sein, ihr Land zu vertreten. Wenn uns das gelingt, ergibt sich das Ergebnis von selbst. Das Schöne dabei ist: Das liegt in unserer Hand.



