Eishockey mitten in der Wüste

Allein der Gedanke klingt paradox. Und doch hat ausgerechnet die Wüstenmetropole Las Vegas vor einigen Jahren ihr eigenes Eishockey-Team ins Leben gerufen, nicht, um auf den letzten Rängen dahin zu dümpeln, sondern für einen grandiosen Siegeszug.

Die Zeit zwischen der ersten Idee und der tatsächlichen Gründung zog sich in die Länge. Nicht nur in Las Vegas, sondern in der gesamten Eishockey-Welt schüttelten Experten und Fans gleichzeitig die Köpfe. Doch die Visionäre von Nevada ließen sich nicht beirren, sie blieben ihrem Herzensprojekt treu.

Im August 2014 begann die Stadt, die Mehrzweckhalle "T-Mobile Arena" zu errichten und plante dabei die Möglichkeit für Eishockey-Spiele mit ein. Die Gerüchteküche kochte entsprechend hoch, ein neues NHL-Franchise kam ins Gespräch. Die Gruppe Hockey Vision Las Vegas beschloss, einen Versuch zu wagen: Sie initiierte einen Saisonkarten-Verkauf für ein fiktives Eishockey-Team und wollte auf diesem Weg 10.000 Tickets unter die Leute bringen.

Innerhalb von nur 36 Stunden war die Hälfte der Karten weg, etwas später auch die andere Hälfte. Die Interessenten mussten einen Anteil von 10 Prozent bezahlen, also nicht die gesamte Summe. Doch immerhin war nun bewiesen, dass im Herzen der Wüstenbewohner mindestens ein kleines Stück Eis existiert.

Duell Las Vegas gegen Québec: Wer bekommt das begehrte Franchise?

Im Juni 2015 folgte dann der Lohn für die Mühe: Die Hockeyfreunde erhielten eine offizielle Bestätigung der NHL, dass ein neues Franchise sozusagen in der Luft lag. Bis dahin waren nicht nur 10.000, sondern 13.200 virtuelle Saisonkarten über den Ladentisch gegangen – und die Initiatoren hatten einen entsprechenden Antrag bei Amerikas größter Eishockeyliga gestellt.

Doch leider gab es einen Mitbewerber: Québec City wollte seine Nordiques de Québec wieder zurück, die sie Jahre zuvor an Colorado verloren hatten. In mehreren spannende Bewerbungsabschnitten setzte sich Las Vegas gegen die kanadische Metropole durch, am 22. Juni 2016 schneite der positive Bescheid ins Haus.

Das 31. Franchise der NHL durfte zur Saison 2017/18 starten und die Wüste auf neue, bis dato unbekannte Weise beleben. Der gesamte Bundesstaat Nevada war bis zu diesem Moment in keiner einzigen der vier nordamerikanischen Eishockey-Ligen vertreten, weder in der NHL noch in der NFL, der NBA oder der MLB. Etwas völlig Neues hatte also begonnen und nahm von Beginn an ordentlich Fahrt auf.

Name, Farben, Logo: Die Geburt der Vegas Golden Knights

Wer waren die "Neuen" auf dem eisigen Parkett? Das Team brauchte einen Namen, Logos und Farben! Ersterer stand ziemlich früh fest, die Mannschaft sollte "Vegas Golden Knights", also die goldenen Ritter von Vegas, heißen. Die Einheimischen nennen ihre Stadt gern in dieser Kurzform, so schafft das Weglassen von "Las" ein Stück weit mehr Identifikation.

Im November 2016 hatte man sich dann für die Farben Stahlgrau, Gold, Schwarz und Rot entschieden sowie ein ritterliches Logo kreiert. Das Konzept stand, fehlte noch einige Formalien, die Abschlusszahlung an die NHL und das Wichtigste: die Spieler. Der erste Eishockey-Profi, der sich "Golden Knight" nennen durfte, war der Kanadier Reid Duke, den Las Vegas aus der Juniorenliga rekrutierte.

Darauf folgten Wadim Schipatschow und Tomáš Hyka und der Expansion Draft mit weiteren erlesenen Sportlern wie James Neal und Marc-André Fleury. Ein reger Transfer von anderen Teams der Liga begann, Cheftrainer Gerard Gallant wurde engagiert und Kooperationen mit Farm Teams verkündet. Und dann: der fulminante Durchstart!

Las Vegas im Eishockey-Taumel: Es weht ein kräftiger Wüstenwind

Direkt in seiner ersten Saison etablierte sich das nagelneue Team unerwartet als eines der besten Teams der NHL, stellten zahlreiche Rekorde für ein Expansion Team auf und erreichten das Play-off bis zum Stanley-Cup-Finale. Dort verloren die Wüstenritter allerdings gegen die Washington Capitals.

Kein Buchmacher von Sportwetten und Live Wetten im Bereich Eishockey hätte solch eine Entwicklung vorausgesagt! Heutzutage wissen diese Unternehmen, dass die Vegas Golden Knights von Anfang an zu den besten Teams der NHL gehörten und auch in Zukunft beste Erfolgsaussichten haben. Entsprechend sehen heute die Quoten aus, die den Rittern immer wieder neue Ehrenplätze verleihen.

Die Medien rätselten lange darüber, wie das Wunder aus der Wüste möglich war, und fanden die Gründe für den schnellen und nachhaltigen Erfolg heraus. Im Fokus stehen hier vor allem die derzeitigen Regularien des Expansion Drafts, die den etablierten Mannschaften nur wenig Möglichkeiten lassen, sich vor dem Abwandern ihrer Spieler zu schützen. Die Golden Knights hatten eine große, hochwertige Auswahl und nur wenige Sportler standen nicht zur Verfügung.

Hochwertige Spieler aus anderen Teams führten zum Erfolg

Hinzu kamen offensichtliche Fehlplanungen der anderen Teams, die teilweise sehr gute Team-Mitglieder freigaben, um andere Player behalten zu können. Die Florida Panthers verloren in diesem Zuge nicht nur das kanadische Ausnahmetalent Jonathan Marchessault, sondern auch den begabten rechten Flügelstürmer Reilly Smith.

Beide Spieler erhielten in Vegas direkt eine Position im Angriff und erzielten haufenweise Scorerpunkte. Für die Turniergegner zwei harte Nüsse, die es erst einmal zu knacken gilt. Hinzu kamen weitere fähige Sportler, deren Eigenschaften offensichtlich von den vorigen Teams nicht hoch genug geschätzt wurden. Dazu zählt zum Beispiel William Karlsson, der seine Bestwerte verdreifachte und gleich in der ersten Saison 78 Punkte abräumte sowie 43 Tore schoss.

Einige andere Player legten keinen ganz so spektakulären Start hin, verbesserten ihre Leistungen aber ebenfalls, sobald sie in Nevada angekommen waren. Ihr Potenzial schien in den vorigen Teams nicht vollständig genutzt, wahrscheinlich nicht einmal erkannt. Zu diesen "kleinen" Koryphäen gehören Erik Haula, Nate Schmidt und Colin Miller, Aber auch David Perron und Shea Theodore. Ganze 13 von insgesamt 22 neuen Team-Mitgliedern erzielten innerhalb von 30 Spielen bei den Knights ihre Karriere-Bestwerte. Vielleicht, so lässt sich mutmaßen, tut ihnen auch die spezielle Atmosphäre der Glamour-Metropole gut – wer weiß?

Weitere Faktoren: Power "von oben" und ein starker Team-Spirit

Allerdings sind nicht allein die Spieler daran "Schuld", wenn eine Mannschaft Bestleistungen vollbringt. Auch die Power von oben, die clevere Zusammenstellung durch den General Manager George McPhee, hat sicherlich ihren Teil zum Erfolg beigetragen. Mitgeholfen hat Cheftrainer Gerard Gallant, der aus Florida nach Nevada abwanderte und den Kader nicht nur aussuchte, sondern auch auf Tempo und aggressives Spiel drillte.

Er formte aus dem zusammengewürfelten Haufen ein schlagkräftiges Team, das zusammensteht und gemeinsam den Sieg anstrebt. Obwohl die Mannschaft zweifellos herausragende Persönlichkeiten und Talente aufweist, soll es keinen Star unter ihnen geben, sondern jeder ist am Großen und Ganzen auf seine Art beteiligt. Team-Spirit, so heißt der Geist, der schon viele entsprechend ausgerichtete Teams gesegnet hat.

Insgesamt sind die Vegas Golden Knights zum Symbol des festen Zusammenhalts geworden: Die Einwohner wissen ihr Eishockey-Team entsprechend zu schätzen, stehen hinter der Mannschaft und geben ihr Rückendeckung. Wahrscheinlich sind sie besonders stolz darauf, überhaupt ein derartiges Team hervorgebracht zu haben, denn unter der heißen Wüstensonne scheint dies alles andere als selbstverständlich.

Mittlerweile haben die Las Vegas Knights auch ihren ersten festen Mannschaftskapitän, nachdem sie sich ein paar Jahre mit mehrere gleichberechtigten "Assistenzkapitänen" begnügten. Seit Januar 2021 darf Mark Stone die führende Rolle einnehme. Der erfahrene Spieler gesellte sich im Februar 2019 zu den Wüstenrittern, nachdem er beinahe acht Jahre lang den Ottawa Senators erfolgreich gedient hatte. 2016 eroberte er sich gemeinsam mit der kanadischen Nationalmannschaft sogar die Goldmedaille der WM. Er gilt als echter Power Forward, ein Spieler mit durchschlagender Kraft.

Eishockey-Metropole Las Vegas? Viel mehr als das!

Alle Zeichen stehen auf eine dauerhafte Etablierung als Erfolgsmannschaft der NHL: Wer hätte das im Jahr 2015 gedacht, als die Zweifler noch die Oberhand hatten? Doch Las Vegas war schon immer für Überraschungen gut, schon die Positionierung inmitten der Mojave-Wüste hat etwas Besonderes.

Vor etwa 150 Jahren gab es dort nicht mehr als ein einsames Fort und ein paar Wasserquellen. Was sich daraus entwickelt hat, erscheint aus damaliger Sicht unglaublich: Wir haben es im Jahr 2021 mit einer 650.000-Einwohner-Stadt zu tun, die jährlich Millionen von Touristen aus aller Welt anzieht. Im Bundesstaat Nevada ist bekanntermaßen das Glücksspiel erlaubt und die ortsansässigen Casinos sind im Laufe der Jahre zu schillernden Etablissements mutiert, die ihre Gäste in eine andere Dimension entführen.

Hinzu kommen die zahllosen grandiosen Shows mit ihren Stars und Sternchen, die es nirgendwo sonst in dieser Dichte gibt. Gleichzeitig entwickelt sich die Stadt derzeit zu einem Hort des Family-Entertainment, das einstige Schmuddel-Image geht immer mehr unter. Zirkus-Vorstellungen, spektakuläre Fahrgeschäfte, Süßwarenläden, Museen und vielfältige andere Attraktionen verleihen der Stadt ein frisches Gesicht jenseits von Poker und Roulette. Nicht zu vergessen die bereits erwähnte T-Mobile-Arena als Schauplatz für Sport-Events und Konzerte. Hier fanden die Vegas Golden Knights Heimat und Ehre – und die Sportfans von Nevada ein neues Lieblingsteam.