Droht 2020/21 wieder Lockout?

Bernd Freimüller nennt Streitpunkte und Indizien für Lockout.

Müssen sich die Hockey-Fans wieder einmal auf einen NHL-Lockout einstellen?

Auch wenn die nächsten drei Saisonen in der National Hockey League garantiert sind, werden die Stimmen immer lauter, dass die Saison 2020/21 in höchster Gefahr sei.

Ein Blick auf die Streitpunkte und die möglichen Indizien: Die NHL-Historie der letzten Jahrzehnte beweist: Im Abstand von etwa zehn Jahren sind Lockouts angesagt. 1994 und 2012 folgten nur verkürzte Saisonen, die Spielzeit 2004/2005 fiel völlig ins Wasser.

Kollektiv-Vertrag läuft noch bis 2021/22

Zwar läuft der 2013 ausverhandelte Kollektiv-Vertrag noch bis zum Ende der Saison 2021/22, doch beide Seiten können bereits im September 2019 daraus aussteigen – die Saison 2019/20 wäre dann die letzte unter dem alten CBA.

Und die Anzeichen mehren sich, dass vor allem die Spieler-Gewerkschaft mit den aktuellen Zuständen unzufrieden ist.

Wo liegen die größten Probleme?

"Escrow": Das größte Ärgernis für die Spieler – worum geht's hier? 

Jedes Jahr behält die NHL einen Teil der Spieler-Gehälter ein und verwaltet diese treuhändisch (=Escrow). Der Grund dafür: Der CBA sieht am Ende jeder Saison eine Aufteilung der Liga-Gesamteinnahmen zwischen den Klubs und den Spielern im Verhältnis 50:50 vor. Da diese Einnahmen natürlich erst nach der Saison errechnet werden können, werden Teile der Gehalts-Schecks abgezogen und in einen Fond einbezahlt, um so am Saisonende eine eventuelle Unterdeckung aufzufangen.

Diese einbehaltenen Beträge schwankten über die Jahre zwischen vier und 17 Prozent. Davon verloren die Spieler dann bei der Endabrechnung zwischen 0,5 und 15 Prozent, vor allem der schwache Dollarkurs der letzten Jahre reduzierte die Liga-Einnahmen.

Escrow ist kein einschneidiges Schwert

Dabei bestimmen die Spieler eigentlich die Höhe dieser einbehaltenen Gelder mit: Vor jeder Saison kann die Gewerkschaft darüber abstimmen, um wieviel der Salary Cap erhöht wird. Der höchste Prozentsatz wäre dabei fünf Prozent, wodurch natürlich auch die Escrow-Zahlungen ansteigen würden.

Die Anhebung von 73 auf 75 Millionen Dollar vor der kommenden Saison war daher auch von der Höchstgrenze weit entfernt.

Es gilt allerdings zu wissen, dass Escrow kein einschneidiges Schwert ist und sehr von den einzelnen Teams abhängt. Orientieren sich etwas viele Teams am Salary Floor statt am Salary Ceiling, bekommen die Spieler insgesamt weniger Gehälter ausbezahlt und die Teams müssen stattdessen während der Saison mehr Escrow-Zahlungen leisten.

Vereinfacht gesagt: Welche Seite mehr Einnahmen veranschlagt als sie wirklich bekommt, muss dementsprechend mehr Geld auf die Seite legen.

In Spielerkreisen wirken diese einbehaltenen Zahlungen oft wie eine Steuer – das stimmt natürlich nicht, hätten beide Seiten eine Glaskugel, aus der sie die Einnahmen ablesen könnten, wäre das ganze Prozedere nicht notwendig. Doch so werden Gehälter einbehalten und Teile davon verschwinden am Ende der Saison ganz, sodass die ausverhandelten Gehaltszahlen nie halten. Das stinkt den Spielern ganz gewaltig und wird bei den nächsten CBA-Verhandlungen sicher zum großen Zankapfel werden.

Hockey Related Revenues sind eng mit Escrow verbunden

Natürlich eng mit dem Escrow verbunden – die sogenannten "Hockey Related Revenues", kurz "HRR". 

Nicht zum HRR gehörten die Einnahmen aus der Aufnahme von Las Vegas als 31. Liga-Mitglied – die 500 Mio. Dollar Eintrittsgebühr der Golden Knights gingen direkt in die Taschen der übrigen 30 Teams, die Spieler sahen davon keinen Cent.

Letzteres stößt den Spielern natürlich sauer auf, ist aber klar festgehalten. Immer lauter werdende Klagen gibt es jedoch über der Berechnung des HRR – unterschlagen die Eigentümer hier einige Einnahmen bzw. setzen sie ihre Ausgaben zu hoch an?

Ich erwarte hier in den nächsten Monaten und Jahren offene und interne Zankereien, die das Gesprächsklima bis zum September 2019 gehörig vergiften und nur die beteiligten Rechtsanwälte glücklich machen werden. Aber alles schon dagewesen und daher sollte kein Eishockey-Fan von der Rhetorik der nächsten Jahren überrascht sein…

Escrow und HRR sind für den gemeinen Fan nicht einfach zu verstehen, der dritte große Streitpunkt dafür umso mehr.

Diese aus dem Spielbetrieb erzielten Einnahmen der NHL wurden im CBA fein aufgedröselt, sind sie doch die Gesamteinnahmen der Liga, die dann im Verhältnis 50:50 zwischen den Teams und Spielern aufgeteilt werden. Dabei handelt es sich natürlich (beispielhaft) um die Ticket-Erlöse, Verkauf von Speisen und Getränken in den Hallen, Merchandising, Parkeinnahmen sowie den TV-Einnahmen. Kernpunkte sind auch der Rekord-Vertrag mit dem TV-Sender NBC (200 Mio. Dollar pro Saison) sowie mit Adidas, das ab der kommenden Saison alle Teams ausstatten wird.

Streit um Teilnmahme an Olympia 2018

Spielergewerkschafts-Boss Daniel Fehr vergaß bei den CBA-Verhandlungen 2012, die Teilnahme von NHL-Profis an den Olympischen Spielen schriftlich festzuhalten.

Für 2014 wirkte sich das noch nicht aus, für PyeongChang 2018 sehr wohl: Die NHL-Teams weigerten sich, ihre Saison zu unterbrechen und untersagten ihren Spielern die Olympia-Teilnahme. Aus ihrer Sicht verständlich, schließlich haben sie finanziell von diesem Turnier keine Vorteile.

Die Spieler, für die Olympia jedoch selbstredend einen Karriere-Höhepunkt darstellt, sind vergrätzt. Im Wissen, dass die Spieler mit dem CBA unzufrieden sind, bot die Liga ihnen eine Olympia-Teilnahme 2018 an – im Gegenzug dafür hätte die Gewerkschaft auf die Opt-Out-Klausel im September 2019 verzichten sollen, der CBA hätte sich dann automatisch sogar bis 2025 verlängert.

Das wollten die Spieler aber ihrerseits nicht. Wer daraus schließt, dass die NHL mit dem bisherigen CBA um einiges zufriedener ist als die Spieler und viele Punkte einfach verlängern will, hat nur teilweise Recht. Wie immer werden die Teams unter Liga-Boss Gary Bettman über finanzielle Sorgen klagen und auf Maßnahmen drängen, die die Teams vor sich selbst beschützen sollen.

Eines der Hauptprobleme der letzten Jahre: Das sukzessive Verschwinden der sogenannten "Bridge Deals".

Jung-Stars, die ihre dreijährigen kostengünstigen Entry Level Deals beenden, können nun kaum mehr mit überschaubaren Anschluss-Verträgen verlängert werden, sondern fordern – und bekommen – langfristige Deals, die sie bis zur Unrestricted Free Agency bringen.

"Tote Gehälter" stoßen GMs sauer auf

Auch ein Punkt, der einigen GMs sauer aufstößt: "Tote Gehälter" für langzeitig verletzte Spieler können einfach getradet werden und helfen dadurch einigen Teams (Arizona Coyotes!), so über die Gehalts-Untergrenze zu kommen.

Schon in den letzten Wochen und Monaten schossen sich beide Seiten aufeinander ein – noch im Pianissimo, das aber bis 2019 wesentlich lauter und anhaltender werden wird. Wer sich daran klammert, dass beide Seiten doch nach dem letzten CBA von einer Partnerschaft gesprochen hätten: Das war damals und ist heute ungefähr so ernst zu nehmen wie die Aussagen von EBEL-Funktionären über den hohen Stellenwert des österreichischen Nationalteams.

Bis 2019 ist noch viel Zeit und auch wenn die Spieler-Gewerkschaft die Opt-Out-Klausel zieht, ist ja dann noch ein Jahr Zeit, um einen neuen CBA auszuverhandeln. Doch wer sich darauf verlässt, ist verlassen, das zeigten schon die letzten Lockouts. Das beste Beispiel dafür, wohin die Reise zu gehen scheint, ist ein Blick auf die Gehälter für die Saison 2020/21, also die, die von einem Lockout bedroht ist.

Bonus-Zahlungen sind unabhängig vom Lockout

Dazu muss man eines wissen: Signing Bonuses, also Zahlungen für die Unterschriftsleistungen, stehen am Beginn einer Saison an. Sie sind zwar Bestandteil des Gehalts und werden natürlich auch zum Salary Cap gerechnet, haben aber zwei große Vorteile gegenüber dem normalen Gehalt: Sie sind "buyout proof" und garantiert. Diese Bonusse verschwinden also nicht, wenn ein Vertrag ausbezahlt wird und noch wichtiger: Bei einem etwaigen Lockout haben die Spieler diese Bonusse schon in der Tasche.

Und wie der Zufall es so haben will: Für die Saison 2020/21 verhandelten die Agenten bereits 182 Mio. Dollar an Bonus-Zahlungen aus. Als absolute Zahl nicht so aussagekräftig, schließlich stehen in der kommenden Saison im Vergleich dazu 227 Mio. Dollar Signing Bonuses an.

Doch als Prozentzahl wirken diese 182 Millionen wesentlich imposanter, betragen sie doch knapp 25 Prozent der Gesamt-Gehälter der Saison 2020/21. Zum Vergleich: Heuer beträgt das Verhältnis von Signing Bonuses zu den Gesamtgehältern knapp 10 Prozent.

Um das extremste Beispiel herauszuheben: Der neue Vertrag von Edmonton-Superstar Connor McDavid beträgt 100 Mio. Dollar für die nächsten acht Saisonen, davon fallen 42 Mio für die Saison von 2018 bis 2021 an. Davon sind ihm 38 Millionen als Signing Bonus garantiert. Sein Gehalt für die Saison 2020/21 beträgt nur eine Million, die restlichen zwölf Millionen bekommt er als Signing Bonus auch bei einem Entfall der Gesamt-Saison. Das krasseste Beispiel für ein CBA-Loophole, das die Teams natürlich wieder verschwinden lassen wollen.

Ein Viertel der Gehälter als Signing Bonuses gesichert

Was bedeutet das also? In Erwartung eines Lockouts haben die Agenten für 2020/21 knapp ein Viertel der Gehälter ihrer Klienten als Signing Bonuses fix gesichert.

Sollte die Saison also ins Wasser fallen – egal ob teilweise oder ganz - , ist dieses Geld ihren Klienten dennoch garantiert. Und da die letzten Lockouts immer dadurch zu Ende gingen, dass die Spieler schließlich aufgrund ausbleibender Gehälter nachgaben, könnte ein solches Nachgeben diesmal wesentlich erschwert sein.

Wer hier noch an Zufall glaubt, wird spätestens im Oktober 2020 vor einem rüden Erwachen stehen...