Das erwartet Vanek in Vancouver

Bernd Freimüller analysiert die Vancouver Canucks, Thomas Vaneks mögliche Rolle und mehr.

Neues Team, neue Chance: Thomas Vanek startet am Dienstag mit den Vancouver Canucks ins Training Camp. Ein Blick auf das siebente NHL-Team des Österreichers und seine mögliche Rolle.

 

Die Canucks in der letzten Saison:

Letzter in der Pacific Division und vorletztes Team in der gesamten NHL.  Die Punkteausbeute sank in den letzten drei Saisonen von 101 über 75 auf 69. Die 182 erzielten Treffer wurden nur von Colorado (166) unterboten.

Was passierte im Sommer?

Mit Travis Green kam ein Coach, dem aus seiner Zeit in den Minor Leagues ein ausgezeichneter Ruf vorausging. Seine Beförderung aus dem Farmteam in Utica zum Nachfolger des Langzeit-Coaches Willie Desjardins war eigentlich überfällig. GM Jim Benning ließ (überraschend) verlauten, dass Green sich auch bei den Signings einbringen durfte. Ein Hoffnungsträger ist auch der neue Assistant Coach Newell Brown, der nach vier Saisonen in Arizona zurückkehrte und das moribunde Powerplay (29. gesamt) wiederbeleben soll.

Tor:

Ein großes Fragezeichen – der 37-jährige Ryan Miller verabschiedete sich nach einem für ihn enttäuschenden Vertragsangebot nach Anaheim, was aber durchaus zu verkraften wäre. Nur: Weder der aus Buffalo gekommene Andreas Nilsson noch Jacob Markström haben Vergangenheit als Nummer 1. Bei beiden ist zu befürchten, dass das Fazit lauten wird: „Nicht schlecht, aber auch nicht gut genug.“ Thatcher Demko als zukünftiger Anwärter für den Starterjob soll noch in Utica bleiben.

Defensive:

In der letzten Saison eine Auswahl von Spielern mit sehr limitiertem Offensivpotential, die noch dazu von langfristigen Verletzungen (Chris Tanev, Alex Edler und Erik Gudbransson) dezimiert wurde. Zur Anhebung des Offensivoutputs holte Benning Michael Del Zotto aus Philadelphia, Patrick Wiercioch (Colorado) soll für mehr Tiefe sorgen.

Doch mehr als biederen NHL-Durchschnitt – wenn überhaupt – verspricht diese Formation nicht, die Cracks gelten größtenteils als In-Betweeners (weder Offensivwaffen noch defensiv solide). Dem Eigengewächs Ben Hutton soll bald Olli Juolevi (5th overall in 2016) folgen, ob das jedoch schon heuer der Fall sein wird, erscheint fraglich. Er muss bei den Canucks spielen, nach Europa oder zurück zu den Junioren gehen, die Option AHL gibt es für ihn nicht. Eine (kleine) Wildcard stellt auch noch Philip Holm da, der im Frühjahr noch mit Schweden in Österreich gastierte.

Offensive:

An der Quantität wird es sicher nicht mangeln: Insgesamt 20 Angreifer könnten eine (kleine) Chance auf einen NHL-Platz haben, 16 davon verfügen über Ein-Weg-Verträge. Davon kann man nur Brendan Gaunce (fällt mit Schulterverletzung bis November aus) abziehen, die beiden Tryouts Scottie Upshall und Ryan White sind da gar nicht eingerechnet. Realistisch aber, dass Spieler wie Jayson Megna, Anton Rödin (nach langwieriger Verletzung), Jake Virtanen, Michael Chaput oder Nikolay Goldobin zu Beginn „Healthy Scratches“ sind, in die AHL müssen oder per Waivers abgehen.

Tiefe ist schön und gut, nur: Irgendwie erinnern die Canucks an ein typisches EBEL-Team, das die Jugendarbeit propagiert, aber einige Oldies als Oxer im Wege stehen hat. Die Sedin-Twins könnten dabei in ihre letzte Saison (in Vancouver oder gar in der NHL) gehen, ihre Zeiten als Topliner scheinen vorbei. Loui Eriksson muss beweisen, dass sein im Vorjahr unterschriebener Sechsjahres-Vertrag kein Riesenfehler von Benning war. Dass er mit 6 Mio. Dollar im Jahr überbezahlt ist, steht außer Frage, aber er hat doch noch gutes Hockey in sich. Bo Horvat ist der große Hoffnungsträger für die Zukunft, was auch gerade mit einem neuen Sechsjahres-Vertrag über 33 Mio. Dollar abgegolten wurde. Die Frage muss aber gestattet sein: Ist Horvat wirklich ein Franchise-Player oder nur ein sehr gutes Eigengewächs, das im Lineup zu hoch steht?

Das Hauptproblem in Vancouver: Man strebt offenbar ein „Rebuild on the fly“ an, ein Unterfangen, das nur selten gelingt. President of Hockey Operations Trevor Linden verspricht ein junges Team, womit die Fanbase sicher auch zufrieden wäre, wenn es hohe Draftpicks wie im Vorjahr den Schweden Elias Pettersson einbringt. Nur: Wie passen in ein solches Konzept Zuzüge wie etwa Sam Gagner oder eben auch Vanek? Und sind die Canucks-Talente wirklich so gut, wie man vermitteln will – Erstrundenpick Jake Virtanen überzeugte in Utica keineswegs.

Vaneks Nebenleute und Rolle:

Aufgrund der Vielzahl an Offensivoptionen ist es derzeit unmöglich, Vaneks potentielle Nebenleute herauszufiltern. An der Seite der Sedins kann man ihn sich kaum vorstellen, würde das doch die wohl langsamste Linie der Liga bedeuten. In den Top-9 (es scheint auf drei Scorerlinien unter Green hinauszulaufen) könnte er an der Seite von Horvat oder Gagner auflaufen. Weniger angenehme Center wären Brandon Sutter (offensiv sehr limitiert) oder Alex Burmistrov (hat die Tendenz, bereits überspielte Gegner nochmals überspielen zu wollen). Markus Granlund (talentiert aber etwas soft) könnte wieder an die Seite der Sedins rücken, damit bleiben als Flügelpartner mit offensiven Qualitäten noch Gagner, Sven Bärtschi oder Eriksson über. Eine Wildcard ist Brock Boeser, der am Ende der letzten Saison nach seiner Collegekarriere gleich nach Vancouver kam, überzeugte und heuer von vielen in eine Scorerrolle reklamiert wird. Das ist auch ebenso möglich wie ein Abschieben nach Utica. Kurios: Boeser und Vanek – beides Rechtsschützen mit Scorerqualitäten – trainieren gemeinsam im Sommer.  

Im Powerplay sollte Vanek aufgrund seiner Präsenz ums Tor herum gesetzt sein, ob es für das erste Unit mit den Sedins reicht, bleibt auch hier abzuwarten. Aufgrund der wenig überzeugenden Optionen an der blauen Linie könnte Green auch jeweils auf vier nominelle Stürmer zurückgreifen.

Was kann die Saison für die Canucks und Vanek bringen?

Eine leichte Verbesserung gegenüber der Vorsaison scheint möglich, Green ist dabei natürlich die große Hoffnung. Doch ein Playoff-Platz würde aufgrund der starken Konkurrenz in der Pacific Division überraschen und ist eine kleine Rangverbesserung wirklich erstrebenswert? Erwarte eher einen Abverkauf zur Trading Deadline – die Sedins werden ihre No-Movement-Clauses nicht aufgeben (und sind als Paket ohnehin nur schwer vermittelbar), Eriksson ist aufgrund einer No-Trade-Clause und seines Vertrags wohl auch nicht anzubringen. Gagner und Vanek wären dann natürlich sichere Wechselkandidaten, der Österreicher gilt ohnehin schon als „Trade Bait“, eine gute erste Saisonhälfte wie in Detroit letztes Jahr könnte ihn wieder für Contender interessant machen. Ein Totalabverkauf könnte aber auch Cracks wie Erik Gudbransson, Alex Biega oder Wiercioch betreffen – allesamt UFAs am Ende der Saison. Nur: Wären die Canucks dazu bereit, um danach endlich einmal von vorne zu beginnen oder würden sie weiter zwischen Baum und Borke stehen wollen? Und könnte Vanek dann eine stärkere Endphase als zuletzt bei den Panthers hinlegen?

Neun Jahre in Buffalo, dann sechs Teams in vier Saisonen – es wäre Vanek zu wünschen, dass er die Endphase seiner NHL-Karriere nicht weiter als Journey Man verbringen muss, die Anzeichen sprechen aber dagegen...